Textgebundene Erörterung: Guido Bohsem – Überleben ist wichtiger als Datenschutz

Hier findet ihr eine komplette textgebundene Erörterung zum Themenkomplex Fremd- und Selbstbestimmung , Datenschutz, Vorratsdatenspeicherung und Gesundheitsoptimierung in Zusammenhang mit Juli Zehs Roman Corpus Delicti.

Inwiefern überwiegt der Nutzen einer technischen Gesundheitsüberwachung den damit einhergehenden Datenschutzbedenken?

Textgrundlage: Guido Bohsem – Überleben ist wichtiger als Datenschutz

Der Artikel „Überleben ist wichtiger als Datenschutz“ von Guido Bohsem, erschienen im Jahr 2015 in der Süddeutschen Zeitung, setzt sich mit der Frage auseinander, inwiefern der Nutzen einer technischen Gesundheitsüberwachung den Datenschutzbedenken überwiegt.

 

Zur Einleitung seines Textes zieht der Autor die Gesundheitskarte als Beispiel für das Scheitern Deutschlands in der digitalen Revolution heran, da diese trotz hoher verbunden Kosten noch immer nicht zum erhofften Erfolg geführt habe (vgl. Z.1ff.). So bedauert er folgend das damit einhergehende Versäumnis der für alle Ärzte verfügbaren Krankenakte mit der Begründung, dass „[d]er Nutzen für die Patienten […] enorm [wäre]“, Z. 9f. Hauptsächlich verantwortlich für den ausbleibenden Erfolg der Gesundheitskarte soll vor allem die organisierte Ärzteschaft sein, da diese seit Einführung ebendieser erhebliche Bedenken bezüglich des Datenschutzes äußere, sodass „die Angst vor einem Missbrauch der Daten […] die Karte und sinnvolle Neuerungen [ausbremst]“, Z. 16f. Bohsem führt an, dass man mithilfe der elektronischen Gesundheitskarte „eine Art persönliches Medikamentenverzeichnis etablieren“ (Z. 19f.) könnte, welches dazu führen würde, dass Bedienstete im Gesundheitssektor jederzeit Wechselwirkungen zwischen verschriebenen Medikamenten umgehend erkennen könnten. Das parallel dazu eingeführte analoge Pendant eines Medikationsplans bemängelt der Autor als unzureichende Lösung, ohne eine weiterführende  Begründung anzugeben (vgl. Z. 23f.). Anschließenden thematisiert er, wie der Datenschutz medizinische Anwendungen behindern würde und führt das Beispiel eines Forschungsprojekts an, bei dem es „[…] darum ging, den Wasserhaushalt von Patienten mit einem gerade überstandenen Herzinfarkt zu überwachen.“, Z. 27ff.). So sei es aufgrund von Datenschutzbestimmungen nicht möglich gewesen, den Patienten eine elektronische Badematte, welche verschiedene Parameter aufgezeichnet und weitergeleitet hätte, zur Anwendung zu überlassen (vgl. Z. 30ff.). Bohsem echauffiert sich im folgenden darüber, dass man durch die aktuellen Datenschutzgesetze Chancen auf ein höheres Überleben der Patienten auslässt, da man die Daten als zu sensibel ansehe. Er behauptet anschließend, dass zwar die „informationelle Selbstbestimmung [des Patienten] gestärkt wird, [der Betroffene] diese [jedoch] eher als nebensächlich empfinden [würde]“, Z.43f.). Der Autor appelliert abschließend für eine Neuregelung des Verhältnisses zwischen Datenschutz und Nutzen der digitalen Medizin, sieht es jedoch auch als unvertretbar an, wenn „private Krankenversicherungen niedrigere Prämien für denjenigen anbieten, der sich per Smartphone in seiner Lebensweise kontrollieren lässt“, Z. 52f.). So müsse man „unsere Regen den neuen Zeiten anpassen“, Z.58f., und trotz aller Bedenken bezüglich des Datenschutzes die sich neu ergebenden Chance für die Patienten nutzen.

 

Guido Bohsem benutzt in seinem Text einige sprachliche Mittel zur Beeinflussung des Lesers, welche ich nun nachfolgend erläutern werde. Allem voran ist auffällig, dass der Autor oftmals nur Hypothesen aufstellt, ohne diese ausreichend zu begründen. So kritisiert er den Medikationsplan in Papierform lediglich als „eine analoge, unzureichende Lösung“ (Z. 24f.), ohne dies näher zu begründen. Die mangelnden Belege und Beispiele ziehen sich durch den gesamten Text, in dem der Autor ohnehin nur wenig wirklich stichhaltige Argumente liefert. Er verwendet einen relativ einfachen Sprachstil, der sofort für Jedermann verständlich ist. So dramatisiert er auch oftmals dargestellte Sachverhalte, beispielsweise als er direkt von einem Forschungsprojekt darauf schließt, dass man einem Patienten eine „Chance auf ein höheres Überleben“, Z.37 verwehrt, da der Datenschutz dies verhindern würde. In der Einleitung benutzt der Autor den umgangssprachlichen Begriff „verpennt“ (Z. 1), wodurch er seine Aussage eindringlicher macht und somit deren Eindruck verstärkt. Dieses Ziel verfolgt er auch mit dem Verwenden von Superlativen, wie beispielsweise in Zeile 1 mit dem Ausdruck „allerbestes Beispiel“. Auffallend ist auch der verwendete Parallelismus „Was für eine Versäumnis, was für eine verpasste Chance!“ (Z.6), womit die Aussage dem Leser eindringlich veranschaulicht wird. Er lässt sich auch durch rhetorische Fragen („Kann man einem Kranken wirklich sagen, dass seine Gesundheitsdaten eben so sensibel sind, dass sie geschützt gehörten, egal was?, Z.38f.) vom Leser bestätigen und untermauert somit seine Ansichten. Durch Verwenden verschiedener Fachbegriffe wie „Apple Health“ (Z. 1) oder Lifestyle-Apps (Z. 47), zeugt der Autor von einer gewissen Kenntnis in diesem Themenbereich, wodurch er ein gewisses Vertrauen zum Leser aufbaut. Weiterhin benutzt er eine Aufzählung, um seine zuvor getätigte Aussage verständlicher zu machen und dem Leser Beispiele zu geben, die ihm aus dem Alltag geläufig sind („beim Sport, bei der Ernährung, der gesamten Lebensweise.“, Z. 53f.). Zu Abschluss seines Textes benutzt er noch die rhetorische Figur der Parenthese („ – trotz aller Sorgen um den Datenschutz -“, Z. 58), mit der er ein Stück weit die Datenschutzbedenken relativieren möchte und somit im Endeffekt seinen Standpunkt verdeutlicht. Es bleibt also zusammenfassend festzustellen, dass der Autor mithilfe dieser verwendeten sprachlichen Mittel versucht, seine mangelnden Beispiele und Begründungen wett zu machen.

 

Im folgenden soll nun erörtert werden, ob es wirklich sinnvoll wäre, eine elektronische Gesundheitsüberwachung auszuweiten oder ob die Nachteile, die damit einhergehen, überwiegen würden. Zuerst sollte bedacht werden, dass man mithilfe einer elektronischen Gesundheitskarte eine extrem flexible Krankenakte hätte, die bei Bedarf jeder in Sekundenbruchteilen abrufen könnte. Wäre man beispielsweise im Urlaub und erleidet dort eine schwere Krankheit, so könnten die Ärzte vor Ort durch Lesegeräte umgehend den gesamtem Krankheitsverlauf des Patienten auslesen und somit eine bestmögliche Behandlung sicherstellen, da Risiken der Wechselwirkungen zwischen bereits eingenommen Medikamenten und Neuen verhindert werden können. Dazu müsste allerdings sichergestellt werden, dass die Gesundheitskarte auch im Ausland nutzbar wäre, was aktuell noch nicht der Fall ist. Hierbei könnte jedoch der sogenannte Notfalldatensatz zum Einsatz kommen, welcher auf freiwilliger Basis von Patienten auf deren Karte hinterlegt wird und somit im Falle des Bedarfs von Ärzten überall abgerufen werden könnte. Weiterhin wird durch eine solche Karte der Missbrauch erschwert, da auf ebendieser ein Foto des Inhabers aufgedruckt ist, welches wiederum die Hemmschwelle, die Karte eines Fremden bei einem Arztbesuch zu benutzen, enorm ansteigen lässt. Würde beispielsweise eine Person die Krankenkarte eines anderen finden, wäre es im Vergleich zur nicht elektronischen Karte schwieriger, in einer Arztpraxis einfach die fremde Karten zu benutzten, da die Bilder mit den Anwesenden durch die Bediensteten kontrolliert werden müssen.

 

Nachdem nun die Punkte, neben den bereits vom Autor genannten, die für eine elektronische Gesundheitsüberwachung sprechen, thematisiert wurden, sollen nun die Gegenseite betrachtet werden. Hierbei werde ich mich auch auf den Roman „Corpus Delicti“ von Juli Zeh beziehen, welcher eine Aussicht auf eine Gesundheitsdiktatur, nachfolgend METHODE genannt, gibt.

 

Bohsem verkauft in seinem Text die Gesundheitsüberwachung, ob freiwillig oder unfreiwillig, als Allheilmittel der modernen Medizin. Datenschutzbedenken spielt er herunter und agiert hier nach dem Prinzip „der Zweck heiligt die Mittel“. Im Gegensatz dazu vertritt Juli Zeh die Gegenseite und zeigt, wohin eine Überwachung aller Gesundheitsdaten in Zukunft führen könnte und welche Folgen das für die einzelnen Personen hätte. So erwähnt auch der Autor Krankenversicherungen, welche niedrigere Prämien für eine gesunde Lebensweise bieten, lässt aber außer Acht, dass damit alle, die, egal ob lang- oder kurzfristig, einen anderen Lebensstil pflegen, sofort Nachteile erfahren würden. In Juli Zehs Roman gibt es beispielsweise sogenannte Wächterhäuser, welche besonders systemtreue Bürger beherbergt, welche sich dann quasi gegenseitig überwachen sollen und im Gegenzug vergünstigte Grundversorgungsmittel bekommen. Nachdem die Protagonistin Mia, selbst Bewohnerin eines solchen Hauses, aufgrund des Todes ihres Bruder vorübergehend in eine Depression verfällt, wissen sofort der Staat und die restlichen Hausbewohner bescheid, dass sie ihre Pflichten vernachlässigt und sich Laster, wie z.B. Alkohol oder Zigaretten, angeeignet hat. Dies führt im Zuge des Buches zu einer Anklage vor Gericht und letztendlich auch zu einer Verurteilung. Erst profitiert man also von diesen Angeboten, letztendlich – wenn man alt oder krank wird – wird man jedoch die Nachteile erfahren. Weiterhin bleibt zu bedenken, dass im Zuge der Gesundheitsüberwachung gesammelte Daten niemals sicher nur für autorisierte Personen aufbewahrt werden können, da für elektronische Daten immer ein Restrisiko des Diebstahls oder der Manipulation besteht. So könnten Kriminelle auf Servern oder Karten gespeicherte Daten durch Systemangriffe stehlen und somit über diese beliebig verfügen. Denkbar wäre hier auch eine Verwendung durch die Pharmaindustrie, welche an Krankheitsverläufen von Menschen natürlich schon aus rein ökonomischer Sicht großes Interesse hätte, um ihre Produkte zu vermarkten. Vor allem aber besteht durch die Überwachung die Gefahr eines gläsernen Bürgers, da bei einer Gesundheitsüberwachung auch intimste Daten von Bedeutung wären und entsprechend aufgezeichnet werden müssten. So hätte der Bürger keinerlei Selbstbestimmung mehr darüber, welche Daten wann und wo aufgezeichnet werden und was damit geschieht. In Juli Zehs Roman wird der Bevölkerung beispielsweise ein Chip im Oberarm eingepflanzt, welcher dann fortlaufend Daten über dessen Urin-, Blut-, Sport- und Schlafwerte sammelt und diese an die Regierung übermittelt. Der Datengeber hat also keinerlei Möglichkeit, zu kontrollieren, welche Daten wann aufgezeichnet werden, sondern ist dem System, in diesem Fall der METHODE, komplett ausgesetzt. Dadurch gibt der einzelne Mensch also einen Teil seiner Freiheit auf, irrelevant ob dies freiwillig durch einen Fitnesstracker oder gezwungenermaßen wie in der METHODE geschieht.

 

Ich persönlich halte Bohsems Thesen für nicht haltbar, da diese kaum Substanz haben und der Autor keinerlei wissenschaftliche Belege oder Fakten anführt. So befürwortet er eine elektronische Krankenakte, welche intimste Daten der Patienten speichern würde, aber lehnt ein Bonusmodell, welches die gleichen Daten sammeln und benutzen würde, paradoxerweise strikt ab. Außerdem spielt er meiner Meinung nach mit den Ängsten der Menschen indem er behauptet, der Datenschutz würde lebensverlängernde Maßnahmen in der Medizin verhindern. Auch hierfür wird kein konkretes Beispiel genannt, sondern lediglich die Behauptung in den Raum geworfen und sofort zur nächsten übergangen, sodass ich seiner Argumentation oft nicht folgen kann.

 

Aus dem vorher gesagten wird deutlich, dass der Nutzen einer elektronischen Gesundheitsüberwachung keinem Verhältnis zu den Einbußen eines jeden bei seinem informationellen Selbstbestimmungsrecht stehen würde. So würde man der Industrie Tür und Tor öffnen, um sensibelste Daten abzugreifen und die eigenen Kurse zu steigern. Eine Überwachung würde weiterhin dazu führen, dass sich alle Menschen nach dem selben vorgegebenen Ideal richten würden, da sie ansonsten eine Strafe zu befürchten hätten. Somit würde die größte Errungenschaft, die Freiheit des Einzelnen, aufgegeben werden. Natürlich muss man in der Medizin mit der Zeit gehen und man sollte nicht auf veralteten Denkmustern hängen bleiben, ganz getreu dem Sprichtwort „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“. Jedoch sollte man hier nicht voreilig Projekte wie die elektronische Gesundheitskarte durchsetzten, ohne sich ausreichend um den Datenschutz gekümmert zu haben. Aktuell ist jedoch der Widerstand gegen solche Eingriffe in die Privatsphäre noch relativ groß in der Bevölkerung, doch die Zukunft wird zeigen wie sich Fitnessgeräte weiter in unseren Lebensalltag fügen werden. Juli Zeh hat in ihren Roman „Corpus Delicti“ jedenfalls bereits einen beängstigenden Einblick gegeben, wie das Leben in einer Gesellschaft aussehen könnte, in der die totale Gesundheitsüberwachung Alltag geworden ist.

 

 

 

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