Textgebundene Erörterung: Evgeny Morozov – Der Preis einer Person

Hier findet ihr eine komplette textgebundene Erörterung zum Themenkomplex Fremd- und Selbstbestimmung , Datenschutz, Vorratsdatenspeicherung und Gesundheitsoptimierung in Zusammenhang mit Juli Zehs Roman Corpus Delicti.

Textgrundlage: Evgeny Morozov – Der Preis einer Person (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/silicon-demokratie/kolumne-silicon-demokratie-der-preis-einer-person-12928191.html)

 

Unter personenbezogenen Daten versteht man Daten, wie z.B. der Geburtsort oder die Au­genfarbe, welche eindeutig einer bestimmten natürlichen Person zugeordnet werden kön­nen. Diese Daten erfordern natürlich einen behutsamen Umgang, da es sich hierbei um höchst intime Daten handelt, welche Rückschlüsse auf die persönlichen und sachlichen Ver­hältnisse einer Person zulassen. Deshalb ist für diese Datenart ein besonderes Schutzbedürf­nis im Datenschutzgesetz verankert, sodass die Verarbeitung ebendieser an strengere Vor­gaben gebunden ist. Der Artikel „Der Preis einer Person“ von Evgeny Morozov, erschienen im Jahr 2014 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung setzt sich mit der  Frage auseinander, inwieweit es moralisch und gesetzlich vertretbar ist, seine eigenen Daten an Firmen zu ver­kaufen und welche Folgen mit diesen Verkauf einhergehen.

 

Der Autor beginnt seinen Text mit dem Fallbeispiel eines Niederländers, der kürzlich seine „ […] intimsten Daten […]“ (Z. 2) in einer Auktion an den Meistbietenden versteigerte und schließt den Absatz mit der Frage, ob wir unsere privatesten Daten verkaufen dürften (Z.9). Anschließend geht er auf einen weiteren Fall ein, in dem private Daten verkauft wurden und stellt fest, dass sich „Unsere persönlichen Daten […] in Vermögenswerte [verwandelt haben] (Z.18). Er argumentiert, dass es falsch sei, aus Folge dessen mit diesen persönlichen Daten zu handeln oder dazu animiert zu werden. Grundsätzlich habe er nichts dagegen „ […] Gesund­heitsdaten einer Universität oder einem Krankenhaus für Forschungszwecke zu überlassen“ (Z.27), warnt aber vor der Schattenseite, welche sich erst zu einem späteren Zeitpunkt zeigen würde. So behauptet Morozov, dass der Datenverkauf „ […] sofort zu spürbaren Veränderun­gen in unserem Leben führen [könne].“ (Z. 37 f.), da  man über das Smartphone umgehend punktgenau auf einen selbst zugeschnittene Werbung erhalten würde. Auch würde man einen Teil seiner Autonomie dadurch aufgeben, dass gegenseitig konkurrierende Unternehmen auf Entscheidungen in unserem Leben Einfluss nehmen würden und dies oftmals für uns selbst nicht merkbar geschehe. Zur Untermauerung führt er das Beispiel einer fiktiven Person Shawn an, die sich im Internet zum Thema Vegetarismus informiert und schon bald daraufhin „ […] bietet ihm [der Supermarkt] beim Kauf von Gemüse persönlichen Rabatt an, während das nahe gelegene Steakhaus mit Gutscheinen für ein tolles Abendessen lockt.“ (Z.61 ff.) Er betrachtet dieses Vorgang extrem kritisch, da der Mensch so von der Wirtschaft gelenkt und gesteuert werden würde, ohne dass er es selbst wahrnimmt. Abschliessend fordert er strenge­re Datenschutzbestimmungen, um persönliche Daten, welche „[…] Ausdruck unserer Indivi­dualität […] [seien] (Z. 103), besser zu schützen zu können.

 

Morozov benutzt in seiner Kolumne eine Vielzahl von sprachlichen und rhetorischen Mitteln, um den Leser zu beeinflussen. Allen voran ist auffällig, dass oftmals die Personalpronomen „wir“ sowie „unsere“ verwendet werden, um ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen bzw. eine sogenannte „Wir-Gruppe“ mit dem Leser zu bilden. In Zeile 31 ff. benutzt er die rhetorische Figur der Antithese („Für Datennutzung zu bezahlen ist nicht prinzipiell schlecht. Die Schat­tenseite zeigt sich erst zu einem späteren Zeitpunkt.“), um die Wirkung seiner Aussage durch die Gegenüberstellung zweier Begriffe zu untermauern. Mit der Äußerung, dass „[…] wir [so] aber nicht [sind], und so […] vermutlich auch nicht sein [wollen]. (Z. 77 f.), verallgemeinert er einen Standpunkt und nimmt diese Einstellungen für den Leser im Vornherein an. Oftmals benutzt der Autor auch Superlative wie z.B. „intimste“ (Z.2) oder „privateste“ (Z.9). Hiermit versucht er seine Argumentation dramatischer zu gestalten und so entsprechend die Wirkung zu steigern. Zur Veranschaulichung seiner Beweisführung dient die Parenthese „durch Suchanfragen, eine verräterische Andeutung in einer E-Mail. Einen Gefühlsausbruch, den die Google-Brille entdeckt“ (Z.84 f.). Hierdurch gibt er Anstöße für Erfahrungen, welche der Le­ser vielleicht bereits selbst schon gemacht hat und lässt ihn so die Begründung seiner The­se besser nachvollziehen. Auffällig ist auch das analogisierende Argument am Ende seines Textes, bei dem er den Verzicht auf die Autonomie mit der Sklaverei (vgl. Z. 105 f.) ver­gleicht und so Ängste beim Leser zu schüren versucht.

 

Morozov Haltung zum privaten Datenverkauf ist natürlich nicht unumstritten. Im folgenden soll nun geprüft werden, inwiefern seine dargestellten Argumente vertretbar sind.

 

Ich stimme mit Morozovs Haltung teilweise überein, stehe aber auch einigen von ihm darge­stellten Positionen kritisch gegenüber. So empfand ich das Beispiel des Menschen, der sich über den Vegetarismus informiert und ihm diese existenzielle Lebensentscheidung sofort von konkurrierenden Unternehmen  abgenommen wird (vgl. 65 ff.) unschlüssig, da der Mensch an sich immer noch selbst seine Entscheidung fällen kann. Weiterhin ist es meines Erachtens Unsinn, dass wirklich bedeutende Entscheidungen und Fragen unseres Lebens ausschließlich davon abhängig sind, welche Werbung wir von Unternehmen bekommen. Er arbeitet also viel damit Schlussfolgerungen aus seinen Thesen zu ziehen, welche wissenschaftlich aber nicht belegt sind. So benutzt er lediglich mit den beiden Personen Shawn Buckles und Federico Zannier reell existierende Beispiele um seine Argumente zu stützen. Auch die Nebenver­dienstmöglichkeit durch den Datenverkauf lässt der Autor durch seine sehr einseitig betrach­tende Schreibweise komplett außer Acht. Für Menschen in schwierigen finanziellen Lagen lässt sich nämlich durch den Datenverkauf eine attraktive Einkommensquelle realisieren. Ohne investierte Arbeitszeit oder benötigte Fähigkeiten könnte beispielsweise ein Student leicht ein separates Monatseinkommen durch den privaten Verkauf seiner Daten an Firmen erhalten. Dennoch bringt Morozov auch einige sinnvolle Denkanstöße und Argumente hervor wie z.B., dass es nichts dagegen sprechen würde, „ […] Gesundheitsdaten einer Universität oder einem Krankenhaus für Forschungszwecke zu überlassen.“ (Z. 27 ff.) Vor allem für wis­senschaftliche Einrichtungen nämlich würde eine Verschärfung des Datenschutzrechtes im­mense Schwierigkeiten bedeuten, da diese ohne Daten von Forschungsteilnehmern keinerlei Grundlage für ihre Studien mehr hätten und somit viele ebendieser einstellen müssten. Wei­terhin besteht durch den Verkauf von Daten die Gefahr der Erstellung von Bewegungsprofi­len, da heute jedes Mobiltelefon mit einem GPS-Sender ausgestattet ist und somit eine dauer­haft exakte Ortung ermöglicht. Verkauft eine Person beispielsweise ihre Daten, die sich auf dem Mobiltelefon ansammeln, ist es ein leichtes durch durch das Auslesen der verbundenen Mobilfunkzellen in Verbindung mit den GPS-Signalen ein auf den Zentimeter genaues Bewe­gungsprofil des Nutzers zu erstellen.  Durch große private Datenmengen, die fast alle Lebens­bereiche umfassen ist auch der Identitätsdiebstahl ein großes Problem des Datenverkaufs.

Ein Krimineller kann durch umfassendes Wissen über eine natürliche Person problemlos im Internet deren Identität annehmen und Beiträge verfassen um die Person zu diskreditieren oder Warenbestellungen im Internet tätigen, ohne dass er dafür belangt werden kann. In Deutschland gibt es nämlich aktuell noch keinen Strafbestand des Identitätsdiebstahls, ob­wohl es durch die Internetverbreitung ein weit verbreitetes Delikt ist, sodass hier dringend nachgebessert werden sollte.

 

Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass Evgeny Morozov größtenteils richtig liegt, wenn­gleich mir die Standpunkte etwas zu einseitig beleuchtet sind. So sehe ich es als notwendig an, Datenschutzbestimmungen deutlich zu verschärfen, da der Handel von Daten heutzutage einen großen wirtschaftlichen Wert hat, der Wert an sich jedoch, also der Datengeber, nichts davon mitbekommt und dementsprechend den Machenschaften der Unternehmen ausgeliefert ist. Man sollte jedoch hierbei Ausnahmeregelungen für Forschungseinrichtungen einbetten, sodass diese beispielsweise weiterhin anonymisierte Daten erhalten, die keine Rückschlüsse auf eine natürliche Person zulassen würden.

 

Der Autor hat spricht mit seinem Text ein aktuell gegenwärtiges Thema in den Medien an. Seit dem NSA-Skandal im Jahre 2012 hat die Auseinandersetzung mit dem Schutz persönli­cher Daten ein vorher noch nie erreichtes Niveau angenommen, sodass es fast keinen Tag gibt, an denen dieses Thema in den Medien nicht behandelt wird. Erst vor einigen Tagen hat der Europäische Gerichtshof geurteilt, dass der Datenaustausch zwischen den USA und der EU neu geregelt werden muss, da der Datenschutz in den Vereinigten Staaten von Amerika nicht ausreichend ist. Edward Snowden, Schlüsselfigur in der NSA-Spähaffäre, veröffentlicht auch weiterhin brisante Dokumente zum Thema Datenschutz, sodass man in Zukunft noch viele Informationen über das Verarbeiten von Daten erlangen wird, welche eventuell sogar zu einer kompletten Neuregelung des Schutzes der persönlichen Daten führen werden, aber zu­mindestens die gesellschaftliche Diskussion am Laufen halten.

 

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